Bilderblau
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    1992 bis 2003

    Originale, Unikate, Analog, Silberprints in monochromem blau

    Bilderblau zeigt einen Querschnitt der freien fotografischen Arbeit von Naumann aus den Jahren 1992 bis 2005. In dieser Zeit entstanden weit über 200.000 Negative an Schauplätzen in ganz Europa, quasi ein überdimensionaler Skizzenblock, aus dem Naumann 168 Prints erarbeitet hat.

    Auf narratives Beiwerk wird verzichtet, ebenso auf jegliche fotografischen Effekte. Die Aufnahmetechnik wird folgerichtig auf das unverzichtbare Minimum vorhandenes Licht oder einfaches Kunstlicht, Kleinbildkamera und hochempfindlicher Film reduziert. Ebenso entstehen die Vergrößerungen auf gewöhnlichem PE-Papier, welches nachträglich blau getont wird, auf jedwede Digitaltechnik wird verzichtet.

    In gestalterischer Hinsicht wurde Naumann stark von älteren tschechischen Fotografien oder Filmen geprägt, speziell bei der Arrangierung von Doppelakten lassen sich Bezüge zu den Arbeiten Jan Saudeks herstellen. Traditionelle oder gar klassische Kompositions- und Stilelemente werden von Naumann häufig in ihrer Negierung verarbeitet, Gestaltungsmerkmale der Werbefotografie lassen sich in ihrer Umkehrung entdecken. Fotografie bedeutet in ihrem ursprünglichen Wesen malen mit Licht, in „Bilderblau“ wird vordringlich mit Schatten, tiefen nahezu undurchdringbaren Schwärzen geschrieben, gemalt, gespielt. Es finden sich harte Kontraste, getragen von diesem tiefen Schwarz, welches die darin eingebetteten Figuren förmlich in sich hineinzusaugen scheint, was zu einer unterschwelligen, selbst in der ruhigsten Komposition spürbaren Dynamik führt. Flächen zeigen sich konturiert-körnig, auf Detailzeichnung wird zugunsten der konzentrierten Bildaussage verzichtet.

    Es entstehen also keine klassischen Pin-up-Aufnahmen mit detailgetreuen Hochglanzkörpern. Vielmehr verzichtet die Beschäftigung mit dem nackten Menschen auf eine Erklärung ihrerselbst und wird exemplarisch vollzogen. Tradierte Vorbehalte werden bewusst ignoriert, da der Inhalt des Bildes nicht mit dem unmittelbaren Gegenstand identisch ist. Die Arbeiten Naumanns zielen also nicht auf die abgebildete Person, sondern allein auf das Bild und seine imaginären Inhalte. So entsteht Wirkung auch eher im Kopf des Betrachters, sein Auge hingegen verliert sich in der kühlblauen Distanz des Körpers, der die gespeicherte Stimmung nur mittelbar freigibt und Beschäftigung mit ihm zur Gratwanderung in fließenden Konturen macht. Es ergibt sich so viel mehr Mit- als Auseinandersetzung mit dem Bildinhalt. Die Ästhetik der Arbeiten bleibt singulär und unverbindlich.

                                                                                                                                                                                       Michael Widmaier 

    Einführung zur Ausstellungseröffnung am  4. Febtuar 2000, Hotel Kempinski Frankfurt

    American Night

    In der Theorie kann es bisweilen sehr einfach und philosophisch zugehen: Sehen ist atmen, und daraus folgt die zwangsläufig beseelte Anschauung auf Dinge, die nun beide aufgrund dieser Theorie bereits animistisch sind - eine Beziehungskiste in Vulgo.

    Ab da wird es in sofern schwierig, als die Zivilisatorische Konvention eine dritte Komponente bereithält, die neben der logischen Abstraktion und der emotionalen Beziehung ein gesellschaftliches Band knüpft, dem wir zum Teil obliegen, ob wir wollen, oder nicht.

    Will heißen, daß jede Ihrer Vorstellungen zu diesen Fotos zutrifft, eine jede in -auch- merkwürdigste projektionen verwandelbar - und nun werden Sie für etwa neun Minuten meine privaten Überlegungen mit Ihren Augenblicken in Verbindung setzen.

    Zur eigenen Reflektion hilft mir dabei vielleicht das langsame Rekapitulieren dessen, was mich bewegt, über diese Fotos zu sprechen - nicht unbedingt ein Vorsprung, nachdem ich mir beim ersten Sehen eine eigene Anschauung zu diesen Bildern gemacht hatte - denn Bilder sind es allemal, aber neben die Unmittelbarkeit,eben das eher Private, vielleicht auch Unbewußte, trat nach und nach die Distanzierung vom animistischen Anpacken der Bildinhalte, der Projektionen, die ich auf diese Fotos geworfen habe, um mich durch den Filter meiner Kulturisation auch über die Geschichte der Fotografie ein weiteres Mal mit diesen Akten zu beschäftigen.

    Nebenbei ist dies ein Vorgang, dem auch Tom Naumann anheimfällt, wenn er fotografiert, aber zu einem gewissen Teil weiß er das und lenkt es und will es so.

    Dabei ist relativ rasch erzählt, wie diese Fotos entstanden. Diese Bilder stehen in der Tradition der sogenannten Knipserfotografie, bei der jedweder Fotograf sich einer durchaus unprofessionellen Handkamera ohne Stativ bedienen mag -  vielleicht nicht die billigste - keinesfalls aber ist es die schwere Studiokamera mit der Naumann seine Werbeaufnahmen realisiert. Daher geht das eigentliche Fotografieren schnell und unmittelbar, wie bei der Pressefotografie, die Ereignisse festhält, schnell an das Auge, schnell abgedrückt, dies vielleicht ein paar wenige Male, dann ist das Motiv schon wieder  passe´. Und bei den Meisten unter uns geht dieses Knipsen dann in die berühmte Hose, da nicht jeder fotografische Überzeugungstäter  das Verhalten zwischen Licht und Schatten,

    die Beziehungen zwischen Bewegung, Stillstand, Vordergrund und Hintergrund, Motiv, Bildaufbau undsoweiter in kürzester Zeit einschätzen und steuern kann. So sehr wohl das Interesse am Bildinhalt gleich zu nennen wäre: eine Kamera macht primär ein Foto, aber nochlange kein Bild. Gleichermaßen geht es jedem Paar aus Handwerkern und Künstlern, die beide mit bisweilen sehr gleichen Pinseln völlig unterschiedliches leisten.

    Das technische Gerät ist daher in einer Tradition, mit der inzwischen durchaus weitere Schüler von Bernd und Hilla  Becher vorzugsweise Portraits und Stadtlandschaften aus der Hand fotografieren und zu großen Prospekten bis zu Formaten von manchmal zwei Metern repräsentativer Höhe und brillanter Farbigkeit aufladen.

    Die Arbeiten sind vorzugsweise klein, damit wirken sie eher intim - was dem Motivkreis entgegen kommt, was vielleicht auch, so spekuliere ich frisch drauf los,  der Intimität der Zwiesprache zwischen Motiv und Betrachter entspräche. Das würde einer Geschichte der Fotografie entsprechen, in der solcherlei Fotos von Dilettanten für den privaten Gebrauch geknipst und in der privaten Dunkelkammer auch entwickelt worden wären: dafür gibt es Belege sind, der Erfindung der Camera obscura inclusive fixiertem Bild: als Akademien allenfalls unter die Leute gebracht, aber bestenfalls nie außerhalb des Gebrauchs des Produzenten geblieben und erst nach dem Ableben in die degoutierte Außenwelt gelangt. Freilich warum stünden wir hier in der Öffentlichkeit, und warum sind wir so viele, deren Interesse an der Fotografie so wunderbar präzise scheint.

    Für jene bräuchte ich nur zum Teil zu reden, hätte den ganzen Vorspann weglassen können. Meine Damen und Herren, es geht um die Sache. Aber um welche? Womit sollte ich nun weitermachen ohne sie zu langweilen oder mit banalitäten zu unterfordern. Mit dem Motiv oder der Vorstellung die hinter der Abbildung steht, also dem Interesse Tom Naumanns? Der interessiert mich zunächst weniger, denn noch sind

    diese Fotos meine Beute, an die sich mein Blick heranmacht und damit mein Gefühl und - ob ich will oder nicht, auch mein Gehirn - und damit werde ich wohl auch schon Tom Naumanns Bilderbeute.

    Neben dem Motiv der Menschendarstellung existiert noch ein Bildhintergrund, und der ist relativ schnell beschrieben, handelt es sich doch zum Einen um das klassische Naturerleben von Akten in Freien, zum Anderen um Verfremdungen von Körpern in Industriebrachen und um surrealistisch anmutende Hintergrundkompositionen aus gefundenem und erobertem.

    Die aufgelassenen Industriegelände  rächen sich an uns dadurch, daß sie aufgrund ihrer verbrauchten historischen Dimension wie alte Natur wirken und damit eine ideale Folie für Körper bilden, denen die kontrastierende Jugendlichkeit anzumerken ist. Damit entsteht ein Verhältnis zwischen Körper und Raum, das dem Milieu das mytische Raunen läßt, sich an etwas zu erinnern, was es einmal gab: industrielle Schnelle, Produktivität, Eile, Härte, Abläufe gemäß der Zeitnotwendigkeit - und all jene Tugenden des sogenannten “protestantischen Ethos”, die mit den schulischen Kopfnoten einhergehen, nicht aber mit paradiesischer Nacktheit, die wir in solcherlei Umgebung allenfalls im Pirellikalender oder in Pin-ups an Spinden vermuten. Und so reiben wir uns angesichts der Einheit von Person und Raum in diesen Fotos insofern die Augen, als die Situation in der Realität so unwirklich ist, daß es sich allenfalls um Kopfgeburten handeln kann: Projektionen von Nacktheit in ehemals sinnenfeindlicher Umgebung, deren Hermetik inzwischen aufgebrochen ist. Der Psychoanalyse können die Arbeiten von Tom Naumann tiefe Einblicke in das Schattenreich menschlicher Kulturisation ermöglichen.

    Da gibt es keine Personenkontrolle mehr, kein Meister wacht über die Abläufe: wir sind in etwas eingedrungen, was sich leicht von uns entblößen läßt, haben wir uns doch in die Natur eines Menschen geschlichen, in seine überbordende Vitalität und Produktivität und sie in ihrer banalen Zeitlichkeit, zugleich aber auch in ihrer Brüchigkeit ja Schäbigkeit erkannt. Die Sauberkeit - als maskenhaft getragener Panzer - ist dem Schmutz gewichen, das Reinliche der Vermengung anheim gegeben, der Vergänglichkeit; die Verwesung der äußeren Natur geht mit ihrer Wiedererweckung einher. Damit wird es gleichermaßen gleichgültig, wie diese äußere Natur wirkt, ist ihre bildhafte Wirkung doch immer objektiv, in ihren Abläufen unbeeinflußbar natürlich.

    Nun hat Nacktheit im Freien außerhalb der Nudistenbewegung immer etwas gekünsteltes, und Umgebung ist zwangsläufig immer Vorwand, Folie zur Darstellung des Körpers und seit jeglicher Allegorisierung von Akten als Atlas oder Muse im Freien ist Nacktheit in der Natur legitim, und der Skandal des “Frühstücks im Freien” von Eduart Manet wird auch nur durch die Kolportierung der bourgoisen Kleidung in das Paradies verständlich, aber umgekehrt ist Nacktheit so täglicher Teil unseres Lebens, daß wir sie gar nicht einmal bemerken. Und auch da erst macht uns der Knipser als Vojeur bewußt, daß wir alle angesichts der Alten zur Susanna im Bade werden oder angesichts Susannens altern. Aber auch das ist uns seit den Paparazzi egal: Wir wissen, auch Königin Elisabeth II von London  hat wirklich einen Busen und der Papst in Rom wirklich einen Pimmel.

    Seine Akte zu beschreiben, das dürfte alleine schon Tom Naumann schwerfallen, bevor er seine Aufnahme macht, kennt er seine Modelle doch kaum, sie sind und bleiben ihm Fremdlinge - es ist nicht seine Mutter, Schwester, Frau oder Freundin, es sei denn man näme dies Goethianisch wie Beethovens Ode an die Freude. Das hat mit der konzeptionellen Herangehensweise zu tun, so sehr wie er seine Fotos daraus macht, indem er sie kompositionell vorbestimmt, so zufällig wie dies einherkommen mag. Tom Naumann hat klare gestalterische Vorstellungen, die dem klassischen Kanon vom Bild durchaus entsprechen. Seine Fotografien wirken geläufig, konventionell in dem Sinne, daß sie uns nicht verschrecken, der Bau der Bilder uns keine Rätsel gibt: schlicht und einfach durch die Mittelachse motivisch zentriert: mal als Mitte gedacht, mal in zwei Hälften geteilt, mal wagrecht, mal senkrecht gestellt und in der Proportion ausgewogen. Auch das Verhältnis zwischen Umgebung und motivgebendem Akt ist ruhig. Man kann diese Bilder langsam an sich herankommen lassen, indem der Einstieg dem Betrachter Zeit zum Beobachten läßt: die Umgebung sichernd, das Motiv witternd, sich anzu - sich einzuschleichen in das Bild und durch nichts gestört zu werden, abgleiten zu können, wiederkommen zu können, wieder sich sichernd, kurz man wird eingelullt.

    Ein weiterer Aspekt seiner Bilder steigert diesen Effekt, den wir auch von vielen Filmen - aus einer wohl vergangenen Zeit als es noch wirkliche Filme gab - kennen, indem Tom Naumanns “Bilderblau” in jene Nacht eintaucht, die man als Illusion defifieren muß, diese Tricks der “amerikanischen Nacht”, die durch Komplementärfilterung den Tag zur Nacht macht und uns abermals von der Realität in die Dunkelheit des Ungewissen führt, in die Bereiche jener Natur, die seit Edgar Allan Poes “Mord in der Rue Morgue” die blaue Romantik um ihre düstere Seite erweiterten: die Angst des Großstädters vor der Wildheit der Natur. Ach, das ist kaum zu bemerken, ist, wie der Bau dieser Bilder insgesammt: Konvention scheint: nur nicht stören lassen, aber weiter links und rechts witternd, denn Tom Naumann spielt sein Spiel  und  -  er könnte uns erwischen...

    Doch scheint er dies wirkungsvoll zu verhindern, indem wir unsere Blicke zumindest nicht mit den Akten tauschen müssen, die zwar nicht kopflos, aber meist ohne Augenkontakt in der Anonymität ihrer Körperlichkeit entschwinden. Einem Körper der, dergestalt entindividualisiert, in dem so freiwilligen darbieten, zum freien alsbaldigen Gebrauch bestimmt scheint. Aber auch dafür kann Tom Naumann erst eimal nichts, bestimmt er doch nicht was Sache ist sondern seine Modelle - eine Praxis der Selbständigkeit der Modelle, die es in der Bildhauerei etwa bei Wilhelm Loth ebenso gab, aber zugleich auch von billigen Konventionen des sich preisgebens bestimmt sein mag, und da erinnert man sich gerne - aber auch reichlich vorschnell an Nobuyoshi Arakis Tokioter Boudoirkörper.

    Halt - man verfängt sich als Betrachter mal wieder in den Schlingen der eigenen Psyche, sollte dies etwa eine der versteckten Intentionen Naumanns Körperspielereine sein ? Hat uns die heimliche sexuelle Gerichtetheit mal wieder einen Streich gespielt ?

    Die Welt hat sich gottseidank ein wenig gedreht, und weibliche Vorstellungen von Körperlichkeit haben sich emanzipiert, sind nicht mehr notwendigerweise von Männern gelenkt. Es bleibt die Meisterschaft und Rafinesse, wie Tom Naumann seine Fotografien auf jene geheimnissvolle Stelle im Gefühl lenkt, die mit Sinnlichkeit zu tun hat und wie er unseren Blick dahin lenkt, wo wir ihn sowieso haben wollen, um dann all unsere Sehnsüchte zu enttäuschen: das Bild dekouvrierend als das, was wir sowieso wissen, aber nicht zu wissen wagen.

    Es wäre alles so einfach, wäre die Welt nicht alles, was der Fall ist: Die Konventionen sind alle bekannt, alle Motive erlaubt, alle sind so frei.

    Kommen wir vom Abstrakten zurück in das faßbar Konkrete. Tom Naumanns Modell sind sie. Dies erscheint umso erstaunlicher als ein Bild dazu verdammt bleibt, in Vollkommenheit schön zu sein - ein Modell dieser Prämisse wohl erst recht verpflichtet ist.

    Doch wie sehr ist unser Blick auf uns, ist unsere Körperlichkeit, gefangen im starren Blick des zur Abstaktion unvermögenden. Tom Naumann arbeitet mit seinen Modellen, spielt mit deren Körperlichkeit, sucht das Verborgene, das Individuelle das sich später auf seinen Bildern wiederspiegelt - in uns wiederfindet.

    Ein nicht ungefährliches Spiel, sich in die manipulativen Fänge dieses Fotografen zu begeben - nicht etwa weil die Annonymität des Motives, der eigenen Person nicht gewart bliebe -  vielmehr muß wohl anhand der gemachten Bilder das hinter den Fassaden der Normalität verborgene bewältigt und verarbeitet werden.

     

    Dr. Gert Reisig, Kunsthalle Karlsruhe.

     
    Tom Naumann

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